Triggerwarnung: In den Redebeiträgen wird Vergewaltigung in unterschiedlicher Form thematisiert. Insbesondere der Redebeitrag des NOTRUF für Frauen und Mädchen geht detaillierter darauf ein.

Mein Name ist Sibylle Ruschmeier, ich arbeite in der Hamburger Fach-beratungsstelle Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen. Wir bera-ten und begleiten Frauen und Mädchen, die eine Vergewaltigung, einen Vergewaltigungsversuch oder eine andere Form sexualisierter Gewalt erlebt haben.
Wir beraten auch Angehörige, Vertrauenspersonen und Fachleute.
Neben der individuellen Beratungs- und Unterstützungsarbeit ist der zweite wichtige Pfeiler unserer Arbeit Öffentlichkeits- und Aufklärungsar-beit.
„Vergewaltigung ist ein Verbrechen mit zwei Gesichtern“ – das schrieb der US amerikanische Psychologe David Finkelhor schon vor mehr als 25 Jahren (1986). Auf der einen Seite stehe die reale Tat und auf der anderen Seite stehe die Vorstellung, die die Menschen über eine Verge-waltigung haben. Diese Vorstellungen und Überzeugungen beeinflussen das Denken der Menschen über die Taten, wie, wo und warum sie geschehen, wer die Täter sind, wer die Opfer sind und wie diese sich verhalten und welche Folgen für die Betroffenen entstehen. Auch neue wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen das hartnäckige Vorherr-schen solcher sogenannter „Vergewaltigungsmythen“ und ihre Wirkkraft.
Eines dieser Vorurteile ist das, welches im vergangenen Jahr der Aus-löser für die weltweite Protestbewegung der Slutwalks war: Ein Polizist in Toronto empfahl Studentinnen, sie sollten sich nicht wie `Schlampen´ kleiden, dann würden sie auch nicht vergewaltigt werden.
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Dieses Vorurteil haben wir alle schon mal gehört haben, haben wir alle vielleicht schon mal so gedacht: „Wenn die sich aber auch soo an-zieht…“
Warum halten diese Vorurteile sich so hartnäckig? Was steht dahinter?
Dahinter stehen verschiedene Annahmen, die alle eine Funktion haben:
Den Täter in seiner Verantwortung für die Gewalttat zu entlasten und dem Opfer die Schuld, zumindest eine Mitschuld zuzuschieben. Dahinter steht auch die Annahme, sich vor sexualisierter Gewalt schützen zu können, in diesem Fall durch die Wahl anderer Kleidung. Denn diejenige, die Opfer einer Vergewaltigung geworden ist, muss etwas falsch ge-macht haben. Es darf nicht sein, dass sie unverschuldet und einfach so, womöglich noch zufällig, Gewalt erlitten hat. Das würde nämlich bedeu-ten, dass Frauen und Mädchen nicht sicher sind in dieser Gesellschaft, in den patriarchal strukturierten Gesellschaften weltweit. Und das sind sie ehrlich gesagt auch nicht.
In einer patriarchalen, zweigeschlechtlich organisierten Gesellschaft wird sexuelle Gewalt zur Machtausübung von Männern über Frauen und als Mittel zur sozialen Kontrolle eingesetzt. Uns ist es wichtig zu benennen: weltweit sind es vor allem Frauen und Mädchen, die Opfer von sexuali-sierter Gewalt werden, die von Männern verübt und bewusst eingesetzt wird. Auch Jungen und Männer werden Opfer sexueller Gewalt, auch Frauen sind Täterinnen. In unserem Arbeitsschwerpunkt aber, in dem es vor allem um Straftaten nach dem §177 StGB „Vergewaltigung und sexuelle Nötigung“ geht, sind die Täter zu 98% männlich und die Opfer zu über 95% weiblich (PKS).
Dass Menschen, die sich anders sexuell definieren oder / und ihre Sexu-alität abweichend von der Norm definieren, auf noch einmal besondere Art gefährdet sind, Opfer von Abwertung, Demütigung und Gewalt zu werden, ist innerhalb dieser gesellschaftlichen Strukturen klar.
Ein weiteres, sehr gravierendes Ausmaß an sexueller Gewalt wurde durch eine aktuelle, repräsentative Studie des Bundes deutlich: Frauen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen sind demnach zwei- bis dreimal so häufig von sexueller Gewalt – sowohl im Erwachsenen- als auch im Kindesalter – betroffenen im Vergleich zu Frauen im Bevölke-rungsdurchschnitt.
Wichtig ist es daher, dass Menschen auf die Strasse gehen und deutlich machen, „Egal wie ich mich fühle, egal wie ich bin, egal wie ich mich kleide, Du hast nicht das Recht, mich anzufassen!“ Daher unterstützen wir enter the gap!
Die meisten Vorurteile und falschen Vorstellungen zu Vergewaltigungen kreisen um vermeintlich „typisch männliche“ und „typisch weibliche“ Ver-haltensweisen, über vermeintlich „richtige“ und „falsche“ Verhaltenswei-sen des Opfers, um den „typischen Vergewaltiger“ und die „typische Vergewaltigungssituation“. Je mehr eine tatsächliche Vergewaltigung davon abweicht, je vermeintlich „untypischer“ die Situation war, desto schwerer ist es, Gehör zu finden und Glauben geschenkt zu bekommen.
Warum ist das so?
Es würde zu große Angst machen, die Gewalt nicht vorhersehen, nicht erklären, nicht eingrenzen zu können. Es würde zu große Angst machen, Täter nicht erkennen zu können. Und es würde zu große Angst machen, keine Erklärung dafür zu finden, warum eine Opfer dieser Gewalt gewor-den ist. Die falschen Vorstellungen erklären das Unerklärliche. Sie ver-harmlosen, rechtfertigen, entlasten, entschuldigen, verleugnen, deuten um und lenken ab.
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Sie sind auch eine Form einer psychischen Abwehr – und dies sowohl individuell als auch gesellschaftlich. So wird die Strategie des blaming the victim (d.h. dem Opfer die Schuld, zumindest eine Mitschuld für die Tat zu geben) auch als psychotraumatologische Abwehrstrategie bezeichnet. Eine Vergewaltigung ist ein schier unerträglicher Kontroll-verlust. Durch das Abwehrverhalten wird auch versucht, Kontrolle zu-rückzugewinnen.
Die meisten Klischees zu Vergewaltigung beinhalten eine Entlastung der Täter von der Verantwortung für ihr Handeln. Umgekehrt belasten sie die Opfer und schieben ihnen die Verantwortung für die Handlungen eines anderen zu. Diese Schuldumkehr führt dazu, dass die Betroffenen durch Schuldvorwürfe erneut gedemütigt und beschämt werden.
Hinzu kommt, dass auch die schweren Folgen sexualisierter Gewalt für die Opfer sowohl in der privaten als auch in der öffentlichen Diskussion oft verharmlost und geleugnet werden. Sei es vor Gericht, bei Ämtern oder im Gespräch mit nächsten Angehörigen – den Aussagen von Ver-gewaltigungsopfern wird vielfach mit Zweifeln begegnet. Je weniger eine Tat der gängigsten Vorstellung von einer „echten“ Vergewaltigung ent-spricht – und das wäre: die Tat geschieht nachts in einsamer Gegend überfallartig, der Täter ist ein der Frau völlig unbekannter psychisch kranker, sexuell gestörter Mann, die Frau ist schwer verletzt und ruft sogleich die Polizei – je weniger die tatsächliche Tat diesem Stereotyp entspricht, desto mehr Raum für Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Frau entsteht.
Die betroffenen Frauen und Mädchen sehen sich, wenn sie die Tat öffentlich gemacht haben, oft einem Klima des Misstrauens ausgesetzt. Ein Klima das sie allzu oft im Schweigen festhält und isoliert. Immer wie-
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der hören wir in den Beratungen die Befürchtung: „Ich kann doch nicht anzeigen, ich habe doch keine Beweise, das glaubt mir doch keiner.“ Stattdessen werden den Frauen und Mädchen oftmals Fragen und Inter-pretationen entgegengebracht, die das Gewaltverbrechen letztlich kom-plett umdeuten und sogar ganz zum Verschwinden bringen.
„Warum bist Du denn auch in seine Wohnung mitgegangen? Er musste doch denken, dass Du das auch willst. Das ist doch ein so netter Mann. Der hat das doch gar nicht nötig. Wahrscheinlich hast Du ihn angemacht. Warum hast Du auch so viel Alkohol getrunken? Hast Du Dich überhaupt gewehrt? Das war doch gar keine richtige Vergewaltigung.“
Jeden Tag gehen Frauen und Mädchen mit Männern in Wohnungen und geschlossene Räume. Natürlich. Selbstverständlich. Jeden Tag gehen Frauen und Mädchen nachts alleine nach Hause. Natürlich. Selbstver-ständlich. Jeden Tag lernen Frauen und Mädchen Fremde kennen. Natürlich und selbstverständlich. Nur wenn es schief geht und der Mann ihr Gewalt antut, dann hat sie etwas falsch gemacht, dann ist sie selber Schuld. Dann ist sie schuld daran, dass ihr ein anderer Gewalt angetan hat.
Was gibt es noch für Vorurteile und Mythen, die die Vorstellungen über Vergewaltigungen prägen?
Ähnlich wie das Klischee, eine Frau könne sich durch ihre Kleidung vor Vergewaltigung schützen, ist die Vorstellung „Nur junge attraktive Frauen und Mädchen werden vergewaltigt.“
Tatsache ist: Frauen jeglichen Alters und Aussehens, jeglicher sozialer Herkunft, Nationalität oder Religion werden vergewaltigt.
„Vergewaltiger sind psychisch krank oder sexuell gestört.“
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Tatsache ist: Egal wie abgedroschen das klingt: Die Täter sind überwie-gend ganz normale Männer. Sie weisen zu über 90% keine psychopa-thologischen Auffälligkeiten auf.
„Der Täter ist ein Triebtäter, er konnte seinen Sexualtrieb einfach nicht mehr beherrschen.“
Tatsache ist:
Es gibt keine physische oder biologische Ursache, die dazu führen könnte, dass der Sexualtrieb von Männern jenseits eines bestimmten Punktes unbeherrschbar wird.
„Vergewaltigungen werden typischerweise überfallartig von Fremdtätern begangen.“
Tatsache ist:
Fremdtäter, also Männer, die der betroffenen Frau völlig unbekannt sind, gibt es nur selten. In der Hamburger Polizeilichen Kriminalstatistik von 2011 machen Fremdtäter rund 16% aus.
51% der Täter waren hingegen Verwandte oder Bekannte.
“Vergewaltigungen passieren nachts in einsamen Gegenden“
Tatsache ist:
Tatorte sind ganz überwiegend die eigene Wohnung oder die Wohnung des Täters. So genannte „Angstorte“ (typischerweise z.B. dunkle Stra-ßen und Parks) machen nur einen geringen Prozentsatz der Tatorte aus. (BMFSFJ 2004)
„Echte Vergewaltigungsopfer wehren sich kräftig und haben nach der Tat deutliche Verletzungen.“
Tatsache ist:
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Jede Frau, jedes Mädchen setzt sich gegen eine Vergewaltigung zur Wehr. Die Formen des Widerstandes sind vielfältig. Jede Frau, jedes Mädchen leistet den Widerstand, der ihr möglich ist. Jede hat ein Ziel: Überleben.
„Echte Vergewaltigungsopfer zeigen den Täter an.“
Tatsache ist:
Nur ca. 10-30% der Vergewaltigungen und sexuellen Nötigungen kom-men zur Anzeige. Die Bereitschaft, Fremdtäter anzuzeigen, ist weitaus größer als die, Täter aus dem sozialen Umfeld anzuzeigen.
„Frauen, die stark und selbstbewusst auftreten, werden nicht vergewal-tigt.“
Tatsache ist:
Es gibt kein Verhalten, das eine Vergewaltigung ausschließen kann. Die Verantwortung trägt allein der Täter.
„Wenn eine Frau oder ein Mädchen einen Mann wegen Vergewaltigung anzeigt, handelt es sich oft um eine Lüge, z.B. aus Rache oder ent-täuschter Liebe.“
Tatsache ist:
Falschbeschuldigungen wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung sind sehr selten. Laut einer Untersuchung von 2009 liegen sie in Deutschland bei rund 3%. Wesentlich häufiger werden Anzeigen auf-grund von Scham, Angst oder auf Druck der Umgebung gar nicht erst erstattet.
Alles in allem werden Vergewaltigungen auch heute noch – so wie bereits vor hundert Jahren – als „Kavaliersdelikt“ verharmlost und können
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auch im 21. Jahrhundert immer noch als das „fast perfekte Verbrechen“ gelten:
Sie werden selten angezeigt und noch seltener durch einen richterlichen Schuldspruch verurteilt. Je mehr die Tat, der Täter, das Opfer den stere-otypen Vorstellungen entsprechen, desto höher ist die Wahrscheinlich-keit, dass es zu einer Verurteilung kommt.
Tatsache ist:
- Die Quote der polizeilich angezeigten sexuellen Gewalthandlungen liegt bei unter 5%.
- 47% der von sexueller Gewalt Betroffenen reden mit niemandem über die erlebte Gewalt. Sie schweigen.
- Die Verurteilungsquote in Deutschland – d.h. die Verurteilungen bezogen auf die angezeigten Vergewaltigungen – ist seit dem Jahr 2000 kontinuierlich von ca. 20% auf rd. 13% gefallen. Diese Quote ist im europäischen Vergleich unterdurchschnittlich.
- In Hamburg hat die Anzeigenquote mit 200 Strafanzeigen gem. §177 StGB „Vergewaltigung und sexuelle Nötigung“1 im vergange-nen Jahr einen Tiefststand, betrachtet man die letzten 10 Jahre, erreicht. Über die Gründe für diese gesunkene Anzeigebereitschaft muss man forschen und diskutieren. Von einer Abnahme der Straftaten ist nicht auszugehen.
- Die Dunkelziffer, d.h. die Zahl der nicht angezeigten Straftaten ist theoretisch rund 5 – 10x höher.
- Laut PKS 2011 wurden in Hamburg 179 Tatverdächtige zu diesen 200 angezeigten Straftaten (gem. §177 StGB) ermittelt.
- Bei einer Verurteilungsquote von 13% bleiben von diesen 179 tatverdächtigen Personen tatsächlich 155 straffrei.
1 PKS Hamburg Summenschlüssel 111000 + 112000
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- Lediglich 13%, also 24 Personen werden verurteilt.
- Über die Zahl der Verurteilungen in Hamburg im vergangenen Jahr und über die Höhe des Strafmaßes bei Verurteilungen ist nichts bekannt, hierzu wird keine Statistik veröffentlicht.
Solange sich in den Köpfen der Menschen und also auch in den Köpfen derer, die innerhalb des Rechtssystems das gesellschaftliche Werte- und Sanktionssystem vertreten und bilden, diese falschen Vorstellungen über Vergewaltigungen, über die Taten, die Täter und die Opfer halten, so-lange werden Verfahren im Ermittlungsstadium eingestellt. Und solange werden Urteile gesprochen, die die Tatverdächtigen bzw. die Angeklag-ten von ihrer Verantwortung und ihrer Schuld freisprechen. Solange in Gerichtssälen darüber verhandelt wird, ob der Beschuldigte wirklich erkennen konnte, dass die Frau / das Mädchen den Geschlechtsverkehr nicht wollte, obwohl sie wiederholt „Nein, hör auf, ich möchte das nicht“ gesagt hat, ist es dringend notwendig, immer wieder auf die besondere Wirkungskraft von Vergewaltigungsmythen hinzuweisen. Solange so etwas wie die „geschlechtsspezifische Situationsverkennung“ – was ver-kürzt bedeutet: er konnte nicht erkennen, dass sie nicht wollte – ge-richtssaalfähig und justiziabel ist und immer wieder dazu führt, dass Frauen und Mädchen mit dem Freispruch des Angeklagten leben müs-sen, solange werden Aufklärungsarbeit, politische Arbeit und Veranstal-tungen wie diese für das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, für die Einhaltung des universellen Menschenrechtes auf körperliche Unver-sehrtheit dringend notwendig sein. Dabei ist es im Grunde ganz unmiss-verständlich:
Nein heisst nein.

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Zahlen aus:
 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2004): „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“
 Kelly/ Seith/ Lovett (2009): „Unterschiedliche Systeme, ähnliche Resultate? – Strafverfolgung von Vergewaltigung in elf europäischen Ländern“, London Metropolitan University
 Polizeiliche Kriminalstatistik Hamburg 2011
 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2012): „Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen in Deutschland“